Manche Zauber bestimmst Du selbst
Mila arbeitete als Floristin in dem kleinen Dorf, in dem sie schon ihr ganzes Leben lebte. Jeden Morgen öffnete sie ihren liebevoll eingerichteten Blumenladen, kannte beinahe jeden Bewohner beim Namen und blieb auf dem Heimweg oft noch für ein kurzes Gespräch stehen. Das Dorf war ihr Zuhause; ruhig, vertraut und voller Menschen, die sie seit ihrer Kindheit begleiteten. Genau deshalb war sie überzeugt, dass es dort keine Geheimnisse mehr geben konnte.
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Seit Generationen erzählte man sich im Dorf dieselbe Geschichte. Tief im Wald soll es eine versteckte Lichtung geben, die nur in Vollmondnächten erscheint. Dort lebt, so erzählt man sich, eine außergewöhnlich schöne Frau. Ihr langes Haar schimmert im Mondlicht, ihre Augen leuchten geheimnisvoll und ihr Lächeln wirkt so warm und bezaubernd, dass niemand auf den Gedanken käme, sie könnte eine Hexe sein. Manche behaupten, sie erfülle Wünsche. Andere sind überzeugt, dass niemand, der ihr begegnet, jemals als derselbe Mensch zurückkehrt. Doch die meisten Dorfbewohner schmunzeln nur über diese Geschichte. Bei Dorffesten wird darüber gelacht, am Stammtisch darüber gemunkelt und am Ende sind sich doch alle einig, dass es eben nur eine alte Legende sei. Auch Mila glaubte kein Wort davon.
An diesem Abend konnte sie einfach nicht einschlafen. Sie wälzte sich unzählige Male von einer Seite auf die andere, doch egal, wie sehr sie es versuchte, der Schlaf wollte einfach nicht kommen. Schließlich gab sie auf, zog sich ihre Jacke über und beschloss, noch eine Runde spazieren zu gehen. Ein leichter Nebel lag über den Straßen des kleinen Dorfes, während Mila langsam durch die vertrauten Gassen lief. Die Häuser wurden immer weniger, bis sie den kleinen Park am Ortsrand erreichte. Sie folgte dem geschwungenen Weg hindurch und stand kurze Zeit später am Waldrand. Ohne groß darüber nachzudenken, setzte sie ihren Spaziergang zwischen den hohen Bäumen fort.
In diesem Moment schob sich der Vollmond langsam durch den Nebel und tauchte den Wald in ein silbernes Licht. Aus der Ferne hörte Mila den Ruf einer Eule, irgendwo flatterten Fledermäuse zwischen den Baumkronen hindurch. Mit jedem Schritt wurde es stiller. Nur ein lauer Wind strich durch die Äste und ließ die Blätter leise rauschen. Dann entdeckte sie in der Ferne ein kleines, warmes Licht. Neugierig folgte sie ihm, bis sie schließlich auf einer kleinen Lichtung stehen blieb.
Mitten auf der Lichtung tanzte ein junges Mädchen barfuß um ein kleines Lagerfeuer. Aus einem Handy, das auf einem Baumstumpf lag, erklang leise Musik. Das Mädchen sang fröhlich mit, drehte sich lachend im Kreis und schien den Moment vollkommen zu genießen. Ihr langes blondes Haar bewegte sich sanft im Wind, und im silbernen Licht des Vollmondes wirkte sie beinahe unwirklich schön. Mila war sich sicher, sie noch nie zuvor gesehen zu haben. Aus dem Feuer stieg dunkler Rauch auf, und die Luft war erfüllt von einem außergewöhnlichen Duft aus spritziger Orange, würzigem Kardamom, Muskat, dunklen Beeren und etwas Rauchigem, das Mila nicht einordnen konnte.
Noch bevor sie etwas sagen konnte, blieb das Mädchen stehen, lächelte Mila freundlich an und winkte ihr zu. Fast automatisch lächelte Mila zurück. Es war nichts Bedrohliches an dieser Begegnung. Ganz im Gegenteil. Das knisternde Feuer, die Musik und die ruhige Ausstrahlung des Mädchens vermittelten eine Geborgenheit, die Mila nicht erklären konnte. „Was machst du hier?“, fragte das Mädchen mit einer ruhigen, sanften Stimme. „Ich?“, erwiderte Mila verwundert. Das Mädchen nickte lächelnd. „Es ist Vollmond. Um diese Uhrzeit verirrt sich nur selten jemand hierher.“ „Ich konnte einfach nicht schlafen“, antwortete Mila. „Dann bist du heute genau am richtigen Ort.“
Sie streckte Mila ihre Hand entgegen. „Komm. Lass uns tanzen.“ Mila zögerte einen kurzen Augenblick. Eigentlich war die Situation völlig verrückt. Mitten in der Nacht, mitten im Wald und mit einer fremden Person zu tanzen? Doch irgendetwas an diesem Mädchen strahlte so viel Wärme aus, dass Mila ihre Hand nahm. Aus dem Handy erklang „Season of the Witch“. Das Mädchen begann lachend mitzusingen, drehte sich im Kreis und zog Mila einfach mit. Anfangs bewegte sie sich noch etwas schüchtern, doch schon nach wenigen Sekunden musste sie lachen. Gemeinsam sangen sie laut mit, tanzten um das Feuer und vergaßen für einen Moment alles um sich herum. Der Vollmond stand hoch über ihnen und ließ die Lichtung beinahe magisch wirken.
Als das Lied endete, holte das Mädchen eine Flasche Sekt und zwei Gläser aus einem kleinen Weidenkorb. „Lass uns auf diesen Abend anstoßen“, sagte sie lächelnd. „Es ist eine ganz besondere Nacht.“ Während sie die Gläser einschenkte, entdeckte Mila zwischen den Bäumen plötzlich Bündel getrockneter Kräuter. Auf einem alten Baumstamm lag ein uraltes Buch, beschrieben mit Symbolen, die sie noch nie zuvor gesehen hatte. Kleine Glasfläschchen funkelten im Mondlicht, als wären sie schon immer dort gewesen. Plötzlich erinnerte sie sich an die Geschichte aus dem Dorf. Sie blickte das Mädchen an. „Du bist … die Hexe?“ Das Mädchen lächelte sanft. „So nennen mich die meisten.“
Sie nahm eine Cara-Cara-Orange und presste einige Tropfen ihres Saftes in Milas Glas. Danach folgten rote Beeren, Kardamom, frisch geriebene Muskatnuss, Wacholderbeeren und schließlich ein kleines Stück glühende Holzkohle. Vor Milas Augen begann sich das Getränk zu verändern. Das helle Gold verwandelte sich langsam in tiefes Purpur, bis es schließlich in einem schimmernden Lila endete, das aussah, als würde es das Mondlicht verschlucken.
„Ihr glaubt, ich würde Wünsche erfüllen“, sagte die Hexe ruhig. „Aber Wünsche verändern nur einen einzigen Moment.“ Sie schaute Mila liebevoll an. „Ich wünsche mir etwas anderes. Mein Zauber soll die Menschen daran erinnern, wer sie wirklich sind. Er soll sie mutiger machen, stärker machen und ihnen zeigen, dass sie gut genug sind, genauso, wie sie sind.“ Sie hob ihr Glas lächelnd. „Auf dich.“ Die Gläser berührten sich ein zweites Mal.
„Dieser Zauber zeigt dir die mutigste Version deiner selbst. Die Frau, die du wärst, wenn dich niemals Angst, Zweifel oder die Meinung anderer aufhalten würden. Wer diesen Zauber erlebt, erkennt, wozu er wirklich fähig ist. Und genau deshalb kehrt niemand als derselbe Mensch zurück.“ Mila blickte einen Moment auf das geheimnisvolle Getränk in ihren Händen. Dann setzte sie das Glas an.
Im selben Augenblick begann sich alles zu verändern. Das Feuer färbte sich violett. Tausende kleine Lichter schwebten zwischen den Bäumen. Der Nebel begann über den Waldboden zu tanzen, während sich die Baumkronen bewegten, obwohl kein Wind mehr wehte. Vor ihren Augen erschienen Bilder. Sie sah sich selbst als kleines Mädchen. Sie sah all die Träume, die sie irgendwann aufgegeben hatte. Sie sah all die Momente, in denen sie sich kleiner gemacht hatte, als sie eigentlich war. Und schließlich sah sie eine Version von sich selbst, die voller Selbstvertrauen, Mut und Lebensfreude war.
Eine Träne lief ihr über die Wange. „Das … bin ich?“, flüsterte sie. Die Hexe lächelte. „Das warst du schon immer. Du hattest es nur vergessen.“ Im nächsten Augenblick wurde alles schwarz.
…
Mila schreckte hoch. Sie lag in ihrem Bett. Die Morgensonne fiel durch das Fenster. Langsam setzte sie sich auf und lächelte. „Was für ein verrückter Traum.“ Sie zog sich an und ging in die Küche, um sich einen Kaffee zu machen. Doch als sie den Esstisch erreichte, blieb sie wie angewurzelt stehen. Mitten auf dem Tisch stand eine kleine schwarze Glasphiole mit violettem Wachssiegel. Daneben lag ein sorgfältig gefalteter Zettel. Mit klopfendem Herzen öffnete sie ihn.
„Vergiss niemals die Frau, die du heute Nacht gesehen hast.“
Darunter lag eine einzelne Wacholderbeere. Mila blickte langsam aus dem Küchenfenster. Weit hinten, am Waldrand, glaubte sie für einen flüchtigen Moment eine junge Frau mit langen blonden Haaren zwischen den Bäumen tanzen zu sehen. Als sie ein zweites Mal hinsah, war dort niemand mehr. Nur ein vertrauter Duft aus Orange, dunklen Beeren, warmen Gewürzen und einem Hauch von Rauch lag noch immer in der Luft.
Sie machte sich auf den Weg zur Arbeit. Doch irgendetwas fühlte sich anders an. Sie ging mit erhobenem Kopf durch das Dorf, lächelte die Menschen an und begrüßte sie wie jeden Morgen, nur diesmal wirkte ihr Lächeln ehrlicher und freier als je zuvor. Im Blumenladen angekommen, stellte sie zum ersten Mal alles genau so um, wie sie es schon immer schön gefunden hatte. Sie band ihre Blumensträuße nicht mehr nach den Regeln, die sie irgendwann einmal gelernt hatte, sondern nach ihrem eigenen Gefühl. Farben, Formen und Blumen, die angeblich nicht zusammenpassten, wurden plötzlich zu ihren schönsten Kreationen.
Auch sie selbst hatte sich verändert. Zum ersten Mal sagte sie freundlich, aber bestimmt „Nein“, wenn sie etwas nicht wollte. Sie hörte auf, es allen recht machen zu müssen, und begann, auf ihr eigenes Bauchgefühl zu vertrauen. Schon am ersten Tag bemerkten es ihre Kunden. „Irgendetwas ist heute anders hier“, sagte eine ältere Stammkundin lächelnd. „Der Laden fühlt sich viel lebendiger an.“ Eine andere Kundin betrachtete einen Blumenstrauß und sagte: „So etwas Schönes habe ich noch nie gesehen.“
Mila lächelte. Zum ersten Mal hatte sie das Gefühl, nicht die Floristin zu sein, die andere von ihr erwarteten, sondern endlich die Frau, die sie schon immer gewesen war. Unwillkürlich dachte sie an die geheimnisvolle junge Frau im Wald. Vielleicht war es wirklich nur ein Traum. Vielleicht aber auch nicht.
Forbidden Spell – manche Zauber verschwinden mit dem Sonnenaufgang. Andere begleiten dich ein Leben lang.
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