Mossy Tide Die Story Zum Inhalt springen

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MOSSY TIDE

Salz in der Luft. Freiheit im Herzen

Mara kannte jede Welle an dieser Küste.

Sie wusste, welche sich sanft am Riff brach, welche kurz vor den Klippen eine gefährliche Drehung machte und welche man nur an windstillen Tagen reiten konnte. Jeden Morgen nahm sie ihr Surfbrett und ging zu dem kleinen, abgelegenen Strand unterhalb des alten Leuchtturms. Der Ort war kaum auf Karten verzeichnet. Keine Reisebusse, keine Souvenirläden, keine Menschenmengen. Nur das Meer, die Felsen und der salzige Wind.

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An diesem Morgen war sie jedoch nicht allein.

Zwei fremde Jungs standen mit ihren Surfbrettern am Wasser. Mara hatte sie noch nie gesehen. Sie waren ungefähr in ihrem Alter, trugen lässige Neoprenanzüge und hatten eine Kamera auf einem kleinen Stativ aufgebaut.

„Ganz schön leer hier“, sagte der Größere von beiden und grinste in Richtung Kamera. „Perfekt für unser nächstes Video.“

Mara blieb stehen.

„Ihr wollt den Spot filmen?“

Der andere Junge, der dunkle Locken und ein auffallend freundliches Gesicht hatte, drehte sich zu ihr um. „Warum nicht? Die Wellen sind großartig.“

„Weil ihn kaum jemand kennt.“

„Genau deshalb“, erwiderte der Größere. „Wir machen gerade einen Surf-Roadtrip. Jeden Tag ein neuer Ort, neue Wellen, neue Videos und dieser Ort ist perfekt für unsere 3 Millionen Follower!“

Mara sah zu der Kamera. Ihr Magen zog sich zusammen.

Sie kannte solche Videos. Erst entdeckten ein paar Influencer einen besonderen Ort, dann sahen ihn Tausende. Plötzlich standen Autos am Straßenrand, überall lagen Plastikflaschen und die Ruhe war verschwunden.

„Wenn ihr wirklich alles sehen wollt“, sagte sie schließlich, „könnt ihr heute Abend wiederkommen. Ich zeige euch die Umgebung.“

Die beiden sahen sich an und waren super begeistert und sagten total euphorisch: „Jaaaaa!“

Mara nahm ihr Brett und ging ins Wasser. „Bis heute Abend“, sagte sie.

Am Abend trafen sie sich.

Die Sonne stand bereits tief über dem Meer und tauchte die kleinen Steinhäuser des Dorfes in warmes Orange. Mara wartete am Steinstrand, während die beiden Jungs von ihrem Camper angelaufen kamen.

„Also“, sagte der Größere, „wo geht’s hin?“

„Erst einmal gebt ihr mir eure Kameras.“

„Im Ernst?“

„Im Ernst.“

Er seufzte. „Wir könnten doch ein paar Aufnahmen machen. Nur Landschaft. Niemand würde den Ort finden.“

„Jeder würde den Ort finden.“

Für einen Moment sah es so aus, als würden sie wieder umdrehen. Dann zuckte der Lockige mit den Schultern.

„Komm schon, Liam. Wir können später filmen. Ein Abend ohne Kamera bringt uns nicht um.“

Liam verdrehte die Augen, steckte sein Handy ein und folgte Mara.

Sie führte die beiden durch die schmalen Gassen des Dorfes. Die Häuser waren alt und aus hellem Stein gebaut. Vor manchen Türen standen Töpfe mit Lavendel und kleinen Kräutern. Hinter den Fenstern saßen Familien beim Abendessen. Eine alte Frau lockte ihre Katze mit leisen Worten aus einem Garten, während irgendwo ein Radio spielte.

Als sie wieder näher Richtung Leuchtturm liefen, wurde das Rauschen des Meeres immer deutlicher.

Der Weg führte über einen schmalen Pfad hinauf zur Klippe. Das Gras bewegte sich im Wind, und zwischen den Steinen wuchs dunkles Moos. Die Luft roch nach Salz, feuchtem Fels und der kühlen Frische des Wassers.

Mara blieb stehen.

„Jetzt schließt bitte die Augen.“

Liam lachte. „Das ist jetzt aber kein Sektenritual, oder?“

„Mach einfach.“

„Warum?“

„Weil ihr sonst wieder nur seht, was ihr filmen könnt.“

Die beiden schauten sich an. Schließlich schlossen sie die Augen.

„Und jetzt seid zehn Sekunden einfach still.“

Am Anfang bewegte Liam unruhig seine Füße. Der andere Junge lachte leise. Doch dann wurde es ruhig.

Zuerst hörten sie nur den Wind.

Dann die Wellen, die tief unten gegen die Klippen schlugen. Das regelmäßige Rauschen, das Anschwellen und Zurückziehen des Wassers. Über ihnen riefen Seevögel, während die Sonne langsam hinter dem Horizont verschwand. Irgendwo im Gras bewegte sich etwas Kleines. Der Wind strich durch das Moos und trug den Geruch von Meer und feuchten Felsen herüber.

Für ein paar Augenblicke gab es nichts zu erzählen, nichts zu posten und nichts zu beweisen.

Als Mara sagte, sie könnten die Augen wieder öffnen, standen beide ganz still da.

Der Himmel glühte in Rosa, Gold und tiefem Blau. Die Wellen unter ihnen schimmerten wie flüssiges Metall.

„Wow“, sagte der Lockige leise.

Mehr sagte er nicht.

Mara nahm den alten Schlüssel aus ihrer Jackentasche und schloss die Tür des Leuchtturms auf.

„Woher hast du den?“, fragte Liam.

„Der Leuchtturm gehört meiner Familie. Schon seit mehreren Generationen.“

„Aber er ist doch gar nicht mehr in Betrieb.“

„Nein. Trotzdem kümmert sich jemand darum, dass er erhalten bleibt.“

Sie stiegen die schmale Wendeltreppe hinauf. Im oberen Raum stand ein altes Sofa direkt unter dem Fenster. Daneben lagen Decken, Bücher und eine Thermoskanne. An den Wänden hingen Zeichnungen von Mara: das Meer im Sturm, die Klippen im Nebel, der Leuchtturm bei Sonnenaufgang.

„Du hast dir hier dein eigenes kleines Zimmer gebaut“, sagte der Lockige.

„Eher einen Ort zum Verschwinden.“

Sie setzten sich auf das Sofa. Durch die großen Fenster sah man die gesamte Küste. Das Dorf lag friedlich hinter ihnen und aus den Schornsteinen stieg dünner Rauch. Das Licht des Himmels wurde dunkler, während draußen die ersten Sterne erschienen.

Die Jungs dachten nicht einmal daran, ihr Telefon in die Hand zu nehmen.

Später führte Mara die beiden zurück ins Dorf. Inzwischen war es fast vollständig still geworden. Hinter den Fenstern löschten die Menschen nach und nach ihre Lichter. Nur aus einer Küche drang noch warmes Licht und eine Familie räumte gemeinsam den Tisch ab.

Das Meer war überall zu hören.

Am Camper verabschiedeten sie sich.

„Ich liebe diesen Ort“, sagte Mara. „Und ich möchte, dass er so bleibt.“

Liam sah sie einige Sekunden lang an.

„Wir werden kein Video davon drehen.“

Mara lächelte erleichtert. „Wirklich?“

„Wirklich. Wenn wir den Ort zeigen, kommen bald Menschen aus der ganzen Welt hierher. Dann ist es vorbei mit der Ruhe.“

Der andere Junge nickte. „Außerdem wollen wir selbst wiederkommen können.“

Mara musste lachen. „Dann müsst ihr aber versprechen, niemandem den Weg zu verraten.“

„Abgemacht.“

Sie holten eine Flasche Wein aus dem Camper und setzten sich zu dritt auf die niedrige Steinmauer mit Blick auf den Leuchtturm. Sie redeten über ihre Reise, über Wellen, über Dinge, die sie einmal werden wollten, und darüber, wie seltsam es sich anfühlte, für einen Abend nirgendwo anders sein zu müssen.

Das Licht des Leuchtturms war längst erloschen, doch der Ort brauchte es nicht. Das Meer fand seinen Weg auch ohne Leuchtsignal.

Und so blieb die kleine Küste verborgen, frisch, wild und still. Ein Ort zwischen Moos und Gezeiten, an dem die Wellen gegen die Klippen schlugen und man sich selbst wieder hören konnte.

Mossy Tide.