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STRAWBERRY FIELDS FOREVER

Manchmal sind Zufälle geplant

Melissa wusste, wie man Menschen zum Weinen brachte. Ein bestimmtes Lied im richtigen Moment, ein Brautstrauß, in dessen Schleife ein altes Familienfoto steckte oder ein paar Lichter zwischen den Ästen eines Baumes. Meistens stand sie dann irgendwo im Hintergrund, mit einem Funkgerät in der Hand und Sicherheitsnadeln in der Hosentasche und musste selbst schlucken. Sie liebte Hochzeiten.

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Auch nach unzähligen verrutschten Sitzplänen, verschwundenen Trauzeugen und Hochzeitstorten, die bei dreißig Grad dringend gerettet werden mussten. Sie liebte es, aus den Vorstellungen zweier Menschen einen Tag zu machen, an den sie sich ihr Leben lang erinnern würden. Nur mit ihrer eigenen Liebesgeschichte wollte es nicht so recht klappen. Ihre letzten Verabredungen waren irgendwo zwischen „Du arbeitest aber wirklich viel“ und „Ich suche gerade nichts Festes“ im Sande verlaufen. Mittlerweile kam es häufiger vor, dass sie abends mit einer Rolle Satinband auf dem Sofa einschlief als neben einem Mann. Zumindest, dachte sie manchmal, wusste sie beim Satinband, woran sie war.

Doch das Brautpaar, das an diesem Dienstag vor ihr saß, brachte selbst ihre Liebe zum Beruf an ihre Grenzen. „Rosa“, sagte die Braut und schob ihr das Handy über den Tisch. „Also schon richtig rosa. Und es soll funkeln. Glanz, Glamour, ein bisschen wie in einem Schloss.“ Ihr Verlobter betrachtete das Foto eines Saals voller rosafarbener Blumenwände. „Ich möchte nicht in einer Puderdose heiraten.“ Melissa nahm einen Schluck Kaffee. „Was stellst du dir denn vor?“ „Natur. Holz. Draußen sein. Irgendwas Echtes.“ „Holz kann man ja rosa streichen“, sagte die Braut. Melissa verschluckte sich beinahe. Eine Stunde später hatte sie vier Seiten Notizen, leichte Kopfschmerzen und ein Budget vor sich, das mit den gezeigten Schlossbildern ausgesprochen wenig gemeinsam hatte. Die Hochzeit war in fünf Wochen. Gewünscht waren fünfundvierzig Gäste, Luxus pur und möglichst keine zusätzlichen Kosten. Als die beiden gegangen waren, schrieb sie auf ein frisches Blatt: Rosa. Natur. Glamour. Bezahlbar. Dann sah sie die Wörter lange an.

Am Abend fuhr Melissa von ihrem letzten Termin zurück in die Stadt. Auf dem Beifahrersitz lagen Stoffmuster, eine angebrochene Packung Kekse und ihr Notizbuch. Die Stimme aus dem Navigationsgerät kündigte die Auffahrt zur Autobahn an, doch kurz davor fiel ihr Blick auf die Felder neben der Landstraße. Die Sonne stand tief. Über einer Baumreihe lag ein breiter, rosaroter Streifen Himmel, und ein schmaler Weg führte zwischen Wiesen hindurch zu ein paar kaum sichtbaren Dächern. Melissa blinkte spontan ab. Zehn Minuten ohne Telefon, dachte sie. Einfach einmal nichts entscheiden müssen. Sie stellte ihr Auto am Rand des Feldwegs ab und ging los. Unter ihren Schuhen knirschten kleine Steine. Irgendwo zirpte etwas im Gras. Mit jedem Schritt wurde das Rauschen der Straße leiser, bis sie nach ungefähr zehn Minuten um eine Hecke bog und stehen blieb.

Vor ihr lag ein Erdbeerfeld. Es schmiegte sich an einen alten Hof, halb verborgen zwischen Obstbäumen und einer sanften Anhöhe. Hinter einem Wohnhaus stieg eine bewaldete Kuppe auf. Die Reihen der Pflanzen zogen sich durch das warme Abendlicht und unter den grünen Blättern leuchteten die Früchte in Rot und zartem Rosa. Manche waren noch hell, andere dunkel und reif; im Licht der untergehenden Sonne schimmerten sie, als hätte jemand einen rosafarbenen Schleier über das ganze Feld gelegt. Dann nahm Melissa den Duft wahr. Süße, sonnenwarme Erdbeeren. Saftig und weich, so intensiv, dass sie beinahe schmecken konnte, wie eine reife Frucht auf der Zunge zerplatzte. Dazwischen lag die frische, grüne Note der Blätter, vermischt mit warmer Erde und einem Hauch Heu, der vom Hof herüberwehte. Sie musste an Erdbeeren denken, die man als Kind direkt aus einer Schüssel stibitzt hatte, noch bevor jemand Sahne darübergeben konnte. Zum ersten Mal an diesem Tag zog sie die Schultern nicht mehr hoch.

Am Rand des Feldes stand eine große Scheune. Ihre breiten Holztore waren geschlossen, doch durch die hohen Fenster fiel Abendlicht ins Innere. Melissa ging auf einem schmalen Pfad zwischen den Reihen hindurch. Je näher sie der Scheune kam, desto deutlicher entstand ein Bild in ihrem Kopf: lange Tafeln, Kerzenlicht, rosa Blumen zwischen alten Holzbalken. Draußen eine Trauung mit Blick über die Erdbeeren. Sie legte die Hand an das Tor und schob es vorsichtig auf. „Oh“, flüsterte sie. Die Scheune war ausgebaut. Unter ihren Füßen lagen breite Dielen, über ihr spannte sich ein hohes Gebälk. Die Wände waren hell, die Fenster sauber, und der ganze Raum war leer. Kein Gerümpel, keine Maschinen. Nur Platz und dieses unglaubliche Licht. Melissa trat einen Schritt hinein. In Gedanken hingen bereits Lichterketten über ihrem Kopf.

„Bitte verlassen Sie sofort mein Grundstück.“ Sie fuhr zusammen. Im Tor stand ein Mann ungefähr in ihrem Alter. Zerzauste Haare, ein hochgekrempeltes Holzfällerhemd, Erde an der Hose und schwere, schmutzige Arbeitsschuhe. Sein Gesichtsausdruck war alles andere als einladend. Seine Augen dagegen waren unverschämt schön. Grün, stellte Melissa fest, mit einem hellen Ring um die Pupillen. Ein völlig unpassender Gedanke in dieser Situation. „Entschuldigung, ich habe nur …“ „Verlassen Sie sofort mein Grundstück.“ „Ja, natürlich. Ich würde nur gern mit Ihnen über diese Scheune sprechen, weil …“ „Ich wiederhole mich nicht noch einmal.“ Melissa schloss den Mund. Dann ging sie an ihm vorbei, zurück über den Weg zu ihrem Auto. Erst als sie hinter dem Lenkrad saß, atmete sie richtig aus. „Na, das war ja zauberhaft“, murmelte sie und startete den Motor.

Am nächsten Morgen versuchte sie, sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren. Es gelang ihr ungefähr sieben Minuten lang. In jedem freien Moment sah sie wieder die Dielen vor sich, das rosa Abendlicht und die Erdbeerreihen. Leider schoben sich gelegentlich auch zwei grüne Augen dazwischen, was sie ausgesprochen ärgerlich fand. Am Nachmittag klappte sie ihren Laptop zu. Eine halbe Stunde später stand sie wieder auf dem Hof. Diesmal blieb sie deutlich vor der Scheune stehen. „Hallo?“, rief sie. „Hallo! Ist jemand da?“ Nach einer Weile kam der Mann hinter dem Haus hervor, eine leere Holzkiste unter dem Arm. Als er sie sah, blieb er stehen. „Sie schon wieder.“ „Guten Tag wäre auch eine Möglichkeit gewesen.“ Er sah sie an. Melissa räusperte sich. „Ich wollte mich erst mal entschuldigen. Ich hätte gestern nicht einfach in die Scheune gehen dürfen. Aber ich konnte Ihnen gar nicht erklären, weshalb ich …“ „Sie sind eine von diesen Immobilienfrauen.“ „Nein.“ „Dann wollen Sie mir erzählen, was das Grundstück wert wäre, wenn ich es verkaufen würde.“ „Auch nicht.“ „Aber irgendwas Geschäftliches wollen Sie.“ „Ja, schon, aber …“ „Kein Interesse.“

Er ging weiter. Melissa ging hinterher. In den nächsten zehn Minuten lernte sie große Teile des Hofes kennen, während sie versuchte, zwischen dem Abstellen einer Kiste, dem Aufrollen eines Schlauchs und dem Kontrollieren eines Wasserhahns einen vollständigen Satz unterzubringen. Schließlich blieb er stehen und drehte sich zu ihr um. „Geben Sie eigentlich irgendwann auf?“ „Selten.“ Er stellte die Hände in die Hüften. „Also gut. Schießen Sie los.“ Sie erzählte ihm von ihrer Arbeit, dem Brautpaar, dem knappen Budget und dieser Scheune, die mit dem Erdbeerfeld zusammen genau das bot, wonach sie suchte. „Ich würde hier gern eine Hochzeit veranstalten. Eine einzige. Ich kümmere mich um alles. Ihre Scheune wäre …“ „Nein.“ Melissa blinzelte. „Sie haben noch nicht mal überlegt.“ „Doch. Gestern schon.“ „Wenn Sie mich wenigstens ausreden lassen …“ Er seufzte. „Du, ich habe kein Interesse. Ich will hier meine Ruhe. Keine fremden Menschen, die überall herumlaufen. Das ist mein Grundstück. Meine Scheune. Und das hier sind meine Erdbeeren.“

Melissa sah ihn an. Dann hinunter zu den Pflanzen neben sich. Es war keine besonders erwachsene Entscheidung. Das wusste sie schon, als sie sich bückte. Sie pflückte drei kleine, reife Erdbeeren, streifte sie kurz ab und steckte sich eine in den Mund. Die Süße war umwerfend. „Davon merke ich nichts.“ „Wovon?“ „Dass dein Name draufsteht.“ Sie aß die zweite Erdbeere, drehte sich um und ging. Fast hatte sie das Auto erreicht, als hinter ihr eine Stimme rief. „Warte! Warte mal!“ Sie drehte sich um. Er kam den Weg entlang, langsamer jetzt, mit einem Ausdruck, den sie nicht ganz einordnen konnte. „Wir machen einen Deal“, sagte er. „Morgen früh. Fünf Uhr. Du arbeitest einen Tag mit mir. Einen ganzen. Danach entscheide ich, ob wir über deine Hochzeit reden.“ „Fünf Uhr morgens?“ „Da ist fünf Uhr normalerweise.“ Melissa presste die Lippen zusammen. „Abgemacht.“ Er nickte und wollte schon gehen. „Wie heißt du überhaupt?“, fragte sie. „Tom.“ „Melissa.“ „Dann bis morgen, Melissa. Zieh Schuhe an, die schmutzig werden dürfen.“

Um vier Uhr zwölf am nächsten Morgen hielt Melissa die ganze Sache für einen schweren Fehler. Um vier Uhr neunundfünfzig stand sie trotzdem auf dem Hof. Tom musterte ihre alten Jeans, die zusammengebundenen Haare und die geliehenen Gummistiefel. „Du bist tatsächlich gekommen.“ „Ich bin genauso überrascht wie du.“ Er reichte ihr Handschuhe, einen Eimer und eine kleine Hacke. Dann zeigte er auf die Reihen neben dem Feld. „Das Unkraut muss raus. Die Erdbeerpflanzen bleiben drin.“ „Gut, dass du das sagst. Ich hätte sonst gewürfelt.“ Für einen kurzen Moment zuckte sein Mundwinkel. Dann ging er zu seinen anderen Arbeiten. Nach einer halben Stunde schmerzten ihre Knie. Nach einer Stunde entdeckte sie Muskeln in ihrem Rücken, die sich bisher nie bei ihr vorgestellt hatten. Nach anderthalb Stunden tauchte Tom wieder auf. „Komm. Wir gehen weiter.“ Melissa richtete sich langsam auf. „Zum Frühstück?“ „Zu den Hühnern.“

Es gab tatsächlich Hühner. Und einen kleinen Pferdestall mit zwei Boxen, was sie bei ihrem gestrigen Rundgang bedauerlicherweise übersehen hatte. Sie reinigte das Gehege, füllte Wasser auf, schleppte Einstreu und mistete die Boxen aus. Tom arbeitete nebenan, zeigte ihr die Handgriffe und schien dabei auf eine Weise munter zu sein, die sie persönlich beleidigend fand. Gegen Mittag standen sie an einem Anhänger, auf den der letzte Pferdemist geladen werden sollte. Melissa schwitzte. Eine Haarsträhne klebte an ihrer Wange, ihre Arme zitterten und in einem ihrer Stiefel befand sich etwas, über das sie lieber nicht nachdenken wollte. Als ein Teil der Ladung wieder von ihrer Schaufel rutschte, stellte sie sie so heftig ab, dass Tom aufsah. „Ich gebe mir hier wirklich Mühe“, platzte es aus ihr heraus. „Seit fünf Uhr! Ich habe gejätet, geschrubbt und Dinge durch die Gegend geschoben, die ich nicht mal benennen möchte. Ich kann gerade einfach nicht mehr.“ Tom lehnte sich auf seine Schaufel. „Na? Doch aufgeben? Typisch Stadtmenschen. Ein bisschen frische Luft und schon …“

Weiter kam er nicht. Melissa nahm eine kleine Schaufel voll strohigem Pferdemist und beförderte sie gegen seine Hose. Es wurde still. Tom sah an sich hinunter. Dann zu ihr. Melissa hielt die Schaufel fest und wartete darauf, endgültig vom Hof zu fliegen. „Das“, sagte er langsam, „hast du jetzt nicht wirklich gemacht.“ „Doch. Und ich finde, technisch war das mein bester Wurf heute.“ Er starrte sie noch einen Moment an. Dann lachte er los. Es war ein richtiges, warmes Lachen und es veränderte sein ganzes Gesicht. Melissa musste gegen ihren Willen mitlachen, erst vorsichtig, dann so sehr, dass sie die Schaufel abstellen musste. Tom schüttelte den Kopf. „Der Spruch war daneben“, gab er zu. „Du hast ordentlich mit angepackt. Komm rein. Ich habe Essen vorbereitet.“ „Du hättest mit diesem Satz anfangen sollen.“

Wenig später saß Melissa mit gewaschenen Händen an seinem Küchentisch. Tom hatte die Hose gewechselt. Zwischen ihnen standen Ofenkartoffeln, Kräuterquark und ein großer Salat. Durch das offene Fenster kam warme Luft herein, und irgendwo draußen gackerte eines der Hühner, mit denen sie inzwischen eine schwierige Beziehung führte. „Also“, sagte Tom und schob ihr die Schüssel hin. „Was genau stellst du dir vor?“ Melissa legte die Gabel ab. „Du hörst mir jetzt wirklich zu?“ „Solange du das Besteck liegen lässt.“ Sie erzählte. Diesmal ohne Unterbrechung. Von einer Trauung am Feldrand. Von rosa Blüten und langen Holztafeln, von geliehenen Kristallgläsern, die im Kerzenlicht funkelten und einer Feier, die sich besonders anfühlen würde, ohne dass dafür jemand ein Schloss mieten musste. Tom stellte Fragen. Nach der Anzahl der Gäste, dem Ende der Musik, den Autos und danach, wer hinterher sauber machte.

Schließlich fragte er: „Und was bekomme ich dafür?“ „Neunhundert Euro für die Location. Tische, Ausstattung und Reinigung organisieren wir.“ Er dachte nach. „Du machst den Aufbau. Den Abbau auch. Die Tiere bleiben in Ruhe, das Wohnhaus ist tabu, und ich muss mich um nichts kümmern.“ Melissa nickte schnell. Tom hob einen Finger. „Und meine Erdbeerernte wird nicht angerührt. Die ist verkauft und fest eingeplant. Das sind meine Erdbeeren.“ „Der Satz kommt mir bekannt vor.“ Er schob ihr wortlos eine kleine Schale über den Tisch. Darin lagen frisch gewaschene Erdbeeren. „Die hier darfst du essen.“ Melissa lächelte. „Dann haben wir einen Deal.“

Als sie dem Brautpaar die Bilder und ihr Konzept zeigte, geschah etwas, das sie nach dem ersten Gespräch kaum für möglich gehalten hatte: Beide waren gleichzeitig begeistert. Die Braut sah die rosa Blüten, die schimmernden Gläser und den Himmel über dem Feld. Ihr Verlobter sah die alten Balken, die Wiesen und den Platz unter freiem Himmel. „Genau so“, sagten sie fast im selben Moment. Melissa lehnte sich zurück und lächelte. Für solche Augenblicke machte sie diesen Job. In den folgenden Wochen organisierte sie alles, was aus einer leeren Scheune eine Hochzeitslocation machte. Drei Tage vor der Feier begann der Aufbau. Ihr Team brachte Tische und Bänke, verlegte Kabel und hängte Lichterketten zwischen die Balken. Auf den Tafeln lagen rosafarbene Stoffbahnen. Dazwischen standen kleine Vasen mit Blüten in Blush, Creme und kräftigem Pink. Geschliffene Gläser warfen winzige Lichtpunkte auf das Holz.

Melissa war überall gleichzeitig. Sie verschob den Traubogen, telefonierte mit dem Caterer und suchte ihr Maßband, während es um ihren Hals hing. Gegen zwei Uhr stellte Tom einen Teller auf die Kiste neben ihr. „Essen.“ „Gleich.“ „Das hast du vor einer Stunde zu deinem Kaffee gesagt.“ Sie sah auf. „Du wolltest dich doch um nichts kümmern.“ „Ich kümmere mich um mein Geschirr. Das möchte ich nachher leer zurück.“ Am nächsten Tag brachte er ihr ein kaltes Getränk. Später hielt er ungefragt die Leiter fest, während sie einen Stoffstreifen befestigte. Als einer ihrer Mitarbeiter nach einer Verlängerung suchte, war Tom schon auf dem Weg zur Werkstatt. Er fragte, wofür sie die kleinen Karten brauchte, betrachtete die fertigen Tische und blieb immer öfter ein paar Minuten länger stehen.

Einmal fand Melissa ihn mitten in der Scheune, den Blick nach oben gerichtet. „Mein Opa und ich haben die zusammen ausgebaut“, sagte er. „Er wollte hier irgendwann seinen achtzigsten Geburtstag feiern. Mit allen.“ Melissa stieg von der Leiter. „Ist es dazu gekommen?“ Tom schüttelte den Kopf. Eine Weile sagte keiner etwas. „Seitdem stand sie leer“, fügte er hinzu. Dann sah er auf die gedeckten Tafeln. „Er hätte das hier ziemlich gut gefunden.“ Melissa sah sich mit ihm um. Zum ersten Mal verstand sie, weshalb dieser Raum für ihn mehr war als eine mögliche Location. „Wir passen gut darauf auf“, sagte sie. „Ich weiß.“

Am letzten Abend vor der Hochzeit saß sie mit ihrer Liste auf den Stufen vor der Scheune. Tom brachte zwei belegte Brote und setzte sich neben sie. Seine Haare waren noch feucht, und er roch nach Seife. Als er ihr den Teller reichte, streiften seine Finger ihre Hand. Melissa sah ihn einen Moment zu lange an. „Was?“, fragte er. „Nichts.“ „Hab ich noch Pferdemist irgendwo?“ Sie lachte. „Heute ausnahmsweise nicht.“ Er blieb mit dem Blick bei ihr, und plötzlich war da etwas in dieser kleinen Pause, das in keinem ihrer Zeitpläne vorkam. Dann klingelte ihr Telefon. Melissa sah auf das Display, verzog entschuldigend das Gesicht und stand auf. „Der Caterer.“ Tom nickte. „Dein Brot läuft nicht weg.“ Als sie sich ein paar Schritte weiter noch einmal umdrehte, saß er immer noch da und lächelte sie an.

Am Hochzeitstag war der Himmel klar. Die Gäste nahmen am Rand des Erdbeerfeldes Platz. Leichter Wind bewegte die rosa Bänder an den Stühlen, und zwischen den Blättern leuchteten die Früchte. Ihr süßer Duft hing in der warmen Luft, frisch und saftig, vermischt mit dem Gras der Wiese. Als die Braut den schmalen Gang entlangkam, hielt ihr zukünftiger Mann sich eine Hand vor den Mund. Melissa stand seitlich hinter dem letzten Stuhl und drückte ihr Funkgerät an die Brust. Später senkte sich die Sonne über die Felder. Das Rosa des Himmels spiegelte sich in den Gläsern, Kerzen flackerten zwischen den Blumen, und durch die weit geöffneten Scheunentore fiel goldenes Licht auf die Tafeln. Die Braut strich mit den Fingern über den Stoff neben ihrem Teller, dann griff sie nach der Hand ihres Mannes. Er sagte etwas zu ihr. Sie lachte und küsste ihn.

Als es dunkel wurde, rückten die Gäste die Stühle zurück. Musik füllte die Scheune, unter den Lichterketten wurde getanzt, und irgendwo sang jemand bereits deutlich lauter als nötig. Melissa stand draußen am offenen Tor. Zum ersten Mal seit Stunden hielt sie weder ihr Telefon noch eine Liste in der Hand. Alles lief. Ihr Team hatte die letzten Aufgaben übernommen und sie durfte einfach einen Moment zusehen. „Gar nicht schlecht für meine alte Scheune.“ Sie drehte sich um. Tom stand hinter ihr, in einer dunklen Hose und einem hellen Hemd mit offenem Kragen. Seine Schuhe waren sauber, die Haare ordentlich genug, um deutlich zu machen, dass er es versucht hatte. Melissa sah ihn an und vergaß für einen kurzen Moment ihre Antwort. Er grinste. „Na? Siehst du mich auch mal in normalen Anziehsachen?“ „Ich überlege noch, ob du wirklich derselbe Mann bist.“ „Soll ich dich vom Grundstück werfen? Hilft dir das?“ Sie lachte und sein Blick wurde weich.

„Komm mit“, sagte er. „Ich möchte dir was zeigen.“ Melissa sah noch einmal in die Scheune. Ihre Kollegin fing ihren Blick auf, lächelte und hob kurz den Daumen. „Zehn Minuten“, sagte Melissa. Tom hielt ihr die Hand hin. „Wir fangen mal damit an.“ Er führte sie am Feld entlang zum Waldrand. Hinter den ersten Bäumen begann ein schmaler Weg, der zwischen Felsen leicht bergauf führte. Die Musik wurde leiser. An einer höheren Stufe half er ihr hinauf, und diesmal ließ sie seine Hand danach nicht gleich los. Oben öffnete sich der Wald zu einem kleinen Felsplateau. Auf einer ebenen Stelle, ein gutes Stück von der Kante entfernt, lag eine Decke. Daneben standen ein Korb, zwei Gläser und eine Flasche Wein. Weiter unten erstreckten sich die Erdbeerfelder, dahinter leuchteten die Fenster der Scheune. Über ihnen war der Himmel voller Sterne.

Melissa blieb stehen. „Tom …“ „Hier kommt normalerweise keiner her“, sagte er. „Man sieht den Weg von unten kaum.“ Sie setzten sich auf die Decke. Aus der Ferne drang gedämpft das Lachen der Hochzeitsgäste zu ihnen herauf. Der Boden gab noch die Wärme des Tages ab und als Tom den Korb öffnete, stieg ihr der vertraute süße Erdbeerduft in die Nase. Obenauf stand ein kleiner Teller mit einem einzigartig gut duftenden Erdbeerkuchen. Melissa hob die Augenbrauen. „Ist der etwa von dir?“ „Ich mache gelegentlich Ausnahmen.“ Er schenkte den Wein ein und reichte ihr ein Glas. Dann setzte er sich so zu ihr, dass ihre Knie sich berührten. „So“, sagte er. „Jetzt würde ich gern mal mit dir reden, ohne dass du nebenbei eine Hochzeit organisierst.“ „Und ohne dass du mir einen Hühnerstall zeigst?“ „Den kennst du ja schon.“

Sie lächelte, doch diesmal versteckte er seine nächsten Worte nicht hinter einem Scherz. „Ich glaube, es war kein Zufall, dass du hier aufgetaucht bist.“ Melissa betrachtete ihn im schwachen Licht, das von den kleinen Laternen neben dem Korb kam. „Du hast mich zweimal weggeschickt.“ „Ja“, sagte er. „Das wäre ja sonst zu einfach gewesen.“ Sie stellte ihr Glas ab. „Du hast dich gesteigert.“ Tom nahm ihre Hand. Ohne Handschuhe, ohne Eile. Sein Daumen strich über ihre Finger und Melissa spürte dieses aufgeregte Ziehen im Bauch, das sie sonst nur aus den Erzählungen ihrer Brautpaare kannte. Seine Augen verdunkelten sich. In diesem Moment hatte er die volle Kontrolle über Melissa und er wusste es. Melissa war sich sicher, dass er es bereits die ganze Zeit gewusst hatte.

Sie redeten lange. Irgendwann lag ihre Liste vergessen in der Scheune. Ihr Telefon blieb still in ihrer Tasche. Doch sie hatte das Gefühl, mit jedem weiteren Wort würde sie zerreißen. Die Begierde in ihr wuchs mit jedem Wort von Tom. Der Mond spiegelte sich in seinen tiefen Augen. Sie wusste, dass er mit ihr spielte, schon seit ihrer ersten Begegnung. Sie rutschte immer weiter zu ihm, natürlich so, dass Tom es nicht mitbekam. Als sie bereits Toms Atem spüren konnte, wusste sie, dass sie verloren war. Was mache ich hier?, fragte sie sich. Ihre Atemzüge wurden schwerer. Mit einmal zog Tom sie an ihren Hüften auf sich. Sie schaute ihn an. „Darauf warte ich, seitdem ich dich das erste Mal gesehen habe“, sagte Tom sehr klar. Und dann küsste er sie tief und voller Begierde. Melissa schmeckte noch die Süße der Erdbeeren auf seinen Lippen.

Unten feierten zwei Menschen den Beginn ihres gemeinsamen Lebens. Hier oben saß Melissa auf einer Decke bei einem Mann, der sie vor wenigen Wochen am liebsten mit ihrer gesamten Hochzeitsplanung allein gelassen hätte. „Und?“, fragte Tom leise. „Ich nehme an, du kommst wieder, wenn das alles hier vorbei ist?“ Melissa verschränkte ihre Finger mit seinen. „Das kommt darauf an.“ Er sah sie an. „Ich weiß, dass du wiederkommen wirst.“ Tom lachte und küsste sie noch einmal. „Wenn nicht, sage ich dir, dass ich sogar sehr sicher bin, dass du wiederkommst.“