White Samos Obsession - Die Story Zum Inhalt springen

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WHITE SAMOS OBSESSION

Manchmal beginnt eine Obsession nicht mit einem ersten Blick

„Wenn du auf Samos bist, musst du unbedingt auf diesen Berg.“ Diesen Satz hatte Susi in den vergangenen Wochen wahrscheinlich öfter gehört als ihren eigenen Namen.

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Ihre Eltern waren vor fast dreißig Jahren gemeinsam auf Samos gewesen und schwärmten noch heute von einem Berg oberhalb der kleinen Orte, den Weinbergen und einem Aussichtspunkt, von dem aus man angeblich die halbe Insel überblicken konnte. „Das war einer der schönsten Tage unseres ganzen Urlaubs“, hatte ihre Mutter gesagt. Susi war weniger überzeugt. Sie hatte TikTok durchsucht, Reiseblogs gelesen und sämtliche „10 Dinge, die du auf Samos unbedingt machen musst“-Videos angesehen. Traumstrände? Ja. Kleine Buchten? Natürlich. Beachbars, Restaurants und Bootstouren? Jede Menge. Aber dieser Berg? Nirgendwo. Trotzdem hatte sie ihren Eltern versprochen, hinzugehen. Und Versprechen waren Versprechen.

Also stand sie am nächsten Morgen viel zu früh vor ihrer Unterkunft, die Haare noch schnell zu einem Zopf gebunden, Sonnenbrille auf dem Kopf und eine Wasserflasche in der Hand. Neben ihr wartete Luca. Ihr bester Freund, seit sie denken konnte. Sie kannten sich seit der Schulzeit, hatten gemeinsam schlechte Noten verheimlicht, die ersten Partys erlebt, Liebeskummer überstanden und unzählige Nächte damit verbracht, über Dinge zu reden, die am nächsten Morgen plötzlich gar nicht mehr so wichtig erschienen. Wenn jemand mit Susi nach Samos fliegen würde, dann Luca. „Bereit?“, fragte er. „Absolut nicht.“ Luca lachte. „Perfekt. Dann können wir los.“

Schon nach den ersten Kilometern wusste Susi, warum dieser Berg nicht in ihren TikTok-Empfehlungen aufgetaucht war. Es ging bergauf. Und zwar richtig. „Meine Eltern haben definitiv vergessen zu erwähnen, dass man dafür eigentlich Bergsteiger sein sollte.“ – „Du übertreibst.“ – „Ich sterbe.“ – „Wir laufen seit zwanzig Minuten.“ – „Eben.“ Luca grinste nur und lief weiter. Irgendetwas war heute allerdings anders an ihm. Er wirkte nervös. Nicht offensichtlich, aber Susi kannte ihn gut genug, um es zu bemerken. Er spielte ständig mit seinem Armband, schaute immer wieder auf sein Handy, obwohl er kaum Empfang hatte, und wirkte gleichzeitig aufgeregt und völlig in Gedanken. „Alles okay mit dir?“ – „Klar.“ – „Du bist komisch.“ – „Ich bin immer komisch.“ Damit war das Thema für ihn offenbar beendet.

Als sie die erste Aussichtsplattform erreichten, ging gerade die Sonne über Samos auf. Und plötzlich verstand Susi ihre Eltern ein kleines bisschen besser. Unter ihnen lagen die weißen Häuser der kleinen Orte. Das Meer schimmerte in der Morgensonne, während die ersten goldenen Strahlen über die Dächer, Hügel und Weinberge wanderten. „Okay“, murmelte sie. Luca sah sie an. „Okay was?“ – „Vielleicht hatten meine Eltern doch recht.“ – „Das werde ich ihnen persönlich erzählen.“ Sie setzte sich auf die niedrige Steinmauer und streckte die Beine aus. Luca setzte sich neben sie. Für einen Moment sagten beide nichts.

Irgendwann sah Susi zu ihm. Nicht nur kurz. Sie betrachtete ihn richtig. Und ihr fiel auf, wie lange sie das eigentlich nicht mehr getan hatte. Natürlich sah sie Luca ständig. Sie wusste, wie er aussah. Aber in ihrem Kopf war er irgendwie immer noch derselbe Junge von früher gewesen. Nur war er das längst nicht mehr. Er war erwachsen geworden. Das Fitnessstudio der letzten Jahre war definitiv nicht spurlos an ihm vorbeigegangen. Seine Schultern waren breiter geworden, seine Arme muskulös. Seine schwarzen Haare fielen ihm leicht lockig in die Stirn und als er den Kopf zu ihr drehte, traf das Sonnenlicht seine blauen Augen so direkt, dass sie für einen kurzen Moment beinahe leuchteten. Susi ertappte sich dabei, dass sie ihn ein bisschen zu lange ansah.

„Was?“, fragte Luca und grinste. „Nichts.“ – „Du starrst mich an.“ – „Tue ich gar nicht.“ – „Doch.“ Sie verdrehte die Augen. Dann platzte die Frage aus ihr heraus: „Warum hast du eigentlich keine Freundin?“ Luca hob überrascht die Augenbrauen. „Wie kommst du denn jetzt darauf?“ – „Keine Ahnung.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Du hast immer mal irgendwas mit irgendwem. Aber nie etwas Ernstes. Dabei könntest du wahrscheinlich ziemlich leicht eine Freundin haben.“ – „Danke, glaube ich.“ – „Du weißt, wie ich das meine.“ Luca sah hinaus aufs Meer. „Es hat einfach nie gepasst.“ – „Mit keiner?“ – „Nein.“ – „Aber warum?“ Er schwieg einen Moment. Dann sah er sie wieder an. „Weil es nie das war, was ich wollte.“ Susi zog eine Augenbraue hoch. „Und was willst du?“ Für einen Augenblick sagte Luca nichts. Dann erschien dieses kleine Grinsen auf seinem Gesicht, das sie schon seit ihrer Schulzeit kannte. Er stand auf. „Komm. Wir müssen weiter.“ – „Luca!“ Doch er war bereits losgelaufen.

Und genau diese Antwort ließ Susi nicht mehr los. Während sie weiter den Berg hinaufgingen, dachte sie immer wieder darüber nach. Was wollte er denn? Und irgendwann schlich sich ein Gedanke dazwischen, der eigentlich überhaupt nichts mit seiner Antwort zu tun hatte: Wie wäre Luca eigentlich als Freund? Sie musste über sich selbst lachen. Völliger Quatsch. Das war Luca. Der Luca, der wusste, dass sie bei Horrorfilmen immer behauptete, keine Angst zu haben, und danach trotzdem das Licht im Flur anließ. Der Luca, der ihr nachts um zwei Essen vorbeibrachte, wenn es ihr schlecht ging. Der Luca, der sich jedes noch so unwichtige Detail merkte, das sie irgendwann beiläufig erzählt hatte.

Vor einem halben Jahr hatte Susi ihre langjährige Beziehung beendet. Nicht wegen eines großen Streits oder eines einzelnen schlimmen Moments. Sondern weil sie irgendwann begriffen hatte, dass Liebe keine Einbahnstraße sein sollte. Sie hatte immer organisiert, gefragt, geplant und unterstützt. Von ihrem Ex kam selten etwas von selbst. Keine kleinen Aufmerksamkeiten. Kein „Ich hab das gesehen und musste an dich denken“. Kein echtes Interesse an den Dingen, die ihr wichtig waren. Und irgendwann war sie müde davon gewesen, um Selbstverständlichkeiten bitten zu müssen. Luca dagegen … Susi schob den Gedanken sofort wieder weg. Nein. Das war Luca. Ihr bester Freund. Punkt.

Gegen Mittag führte der Weg durch einen kleinen Weinberg. Zwischen den Reben entdeckten sie eine winzige Gaststätte mit einer Terrasse aus hellem Stein. Alte Holztische standen unter einem mit Wein bewachsenen Dach, und von irgendwoher erklang leise griechische Musik. „Pause?“, fragte Luca. „Wenn du jetzt Nein gesagt hättest, hätte ich unsere Freundschaft beendet.“ Sie bestellten Brot, Oliven und Käse. Dazu brachte ihnen der Besitzer eine Karaffe seines eigenen Weins. Susi nahm einen Schluck. „Oh mein Gott.“ Luca lachte. „Gut?“ – „Probier.“ Der Wein war süß und vollmundig, warm und beinahe samtig.

Und plötzlich nahm Susi auch alles andere viel intensiver wahr. Die Sonne hatte die Steine der Terrasse aufgeheizt. Zwischen den Weinreben hing der schwere, süße Duft reifer Trauben in der Luft. Dazu kam die Wärme des Holzes, ein Hauch von Kräutern und diese trockene, mediterrane Luft, die vom Wind immer wieder mit der Frische des Meeres vermischt wurde. Süß, warm, fruchtig und gleichzeitig tief und beinahe berauschend. Susi lehnte sich zurück und schloss für einen Moment die Augen. „Wenn Samos einen Duft hätte“, sagte sie, „dann genau diesen.“ Luca sah sie an. „Dann solltest du ihn dir merken.“ Sie öffnete die Augen. „Warum?“ Er nahm einen Schluck Wein. „Damit du dich später an heute erinnerst.“ Wieder so ein Satz. Wieder dieses Gefühl. Und wieder fragte sie sich, was heute eigentlich mit ihm los war.

Sie blieben viel länger als geplant. Aus einem Glas Wein wurde noch eines. Aus einer kurzen Pause wurden Stunden. Sie redeten über früher, über die Schule, über ihre ersten gemeinsamen Urlaube, über Menschen, die irgendwann aus ihrem Leben verschwunden waren, und darüber, wie anders sie sich ihr Leben mit Mitte zwanzig vorgestellt hatten. Irgendwann lachte Susi so sehr, dass ihr die Tränen kamen. Und plötzlich dachte sie: Wann habe ich mich eigentlich das letzte Mal so leicht gefühlt?

Am späten Nachmittag machten sie sich schließlich auf den letzten Teil des Weges. Als sie den höchsten Aussichtspunkt erreichten, begann die Sonne bereits unterzugehen. Der Himmel über Samos färbte sich erst golden, dann orange und schließlich rosa. Unter ihnen lagen die Weinberge, kleine weiße Häuser und dahinter das endlose Meer. Susi stellte sich an die Mauer. „Okay“, sagte sie leise. „Jetzt verstehe ich meine Eltern wirklich.“ Luca antwortete nicht. Als sie sich zu ihm umdrehte, stand er einige Schritte hinter ihr. Und plötzlich war diese Nervosität wieder da.

„Was ist?“ Er kam näher. „Susi, ich muss dir etwas sagen.“ Sie lächelte unsicher. „Das klingt dramatisch.“ – „Ist es für mich irgendwie auch.“ Jetzt schlug ihr Herz schneller. Luca atmete tief durch. „Du hast mich heute Morgen gefragt, warum ich keine Freundin habe.“ Susi sah ihn an. „Ja.“ – „Und ich habe gesagt, dass es einfach nie das war, was ich wollte.“ Er machte eine kurze Pause. „Weil ich ziemlich genau weiß, was ich will.“ Ihr Lächeln verschwand langsam. Nicht, weil sie Angst hatte, sondern weil sie plötzlich glaubte zu wissen, was jetzt kommen würde.

Luca sah ihr direkt in die Augen. „Du bist meine Obsession hoch zehn, Susi.“ Sie musste gleichzeitig lachen und schluckte schwer. „Was?“ – „Ich meine das ernst.“ Er trat noch einen Schritt näher. „Ich mag dich nicht erst seit gestern. Eigentlich schon seit der Schule. Und egal, wen ich kennengelernt habe, irgendwann habe ich immer verglichen. Wie ich mit dir reden kann. Wie wir zusammen lachen. Wie du mich kennst. Wie ich mich bei dir fühle.“ Susi sagte nichts mehr. „Du hast mich gefragt, was ich will.“ Seine Stimme wurde leiser. „Dich.“

Ihr Herz schlug inzwischen so laut, dass sie überzeugt war, er müsste es hören können. „Wenn ich mir vorstelle, mit wem ich irgendwann mein Leben teilen will, mit wem ich reisen will, morgens aufwachen, streiten, lachen und irgendwann alt werden will … dann bist das immer du.“ Susi spürte dieses Kribbeln zuerst im Bauch und dann überall. Plötzlich ergab dieser ganze Tag Sinn. Seine Nervosität. Seine Blicke. Seine Antwort am Morgen. Vielleicht sogar all die kleinen Dinge der vergangenen Jahre, über die sie nie wirklich nachgedacht hatte. Und gleichzeitig wurde ihr etwas anderes bewusst: Der Gedanke daran fühlte sich überhaupt nicht falsch an. Im Gegenteil. Er fühlte sich erschreckend richtig an.

Luca sah sie noch einen Moment an. Dann beugte er sich langsam zu ihr und küsste sie. Susi hatte sich oft vorgestellt, wie sich dieser eine perfekte Moment anfühlen müsste. Aber sie hatte nie damit gerechnet, dass er sich ausgerechnet so anfühlen würde. Wie tausend Schmetterlinge gleichzeitig. Wie dieses warme Ziehen im Bauch, bei dem man lachen und weinen könnte. Wie das Gefühl, plötzlich etwas zu verstehen, das die ganze Zeit direkt vor einem lag.

Als sie sich voneinander lösten, musste Susi lachen. „Was?“, fragte Luca. „Nichts.“ – „Susi.“ Sie schüttelte den Kopf und sah ihn an. „Ich glaube nur, meine Eltern hatten mit diesem verdammten Berg wirklich recht.“ Luca lachte. Dann zog er sie wieder zu sich.

Unter ihnen lagen die Weinberge von Samos. Die letzten Sonnenstrahlen verschwanden langsam hinter dem Meer und in der warmen Abendluft hing noch immer dieser süße Duft nach reifen Trauben, sonnengewärmtem Holz und mediterraner Wärme. Ein Duft, den Susi von diesem Tag an nie wieder riechen würde, ohne an ihn zu denken. An Samos. An diesen Berg. An diesen Kuss. Und an die Erkenntnis, dass manchmal ausgerechnet der Mensch, den man sein halbes Leben lang kennt, plötzlich derjenige ist, von dem man nicht mehr genug bekommen kann.

White Samos Obsession.

Manchmal beginnt eine Obsession nicht mit einem ersten Blick – sondern mit dem Moment, in dem du jemanden plötzlich mit ganz anderen Augen siehst.